Was darf der Chef?

Arbeitsrecht
Was darf der Chef?
Melanie Rübartsch

Die dritte Nachtschicht in Folge, der Urlaub ist kurzfristig gestrichen und wer in Jeans kommt, darf direkt wieder gehen.

Der Chef hat gesprochen. Doch geht das eigentlich? Junge Karriere klärt, was der Boss darf und was nicht.
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ARBEITSZEIT

Seit zwei Wochen mache ich regelmäßig Überstunden. Darf der Chef meinen Feierabend einfach canceln?

Er darf, wenn er gute Gründe dafür hat. Der Vorgesetzte kann Überstunden anordnen, wenn sie aus betrieblicher Sicht notwendig sind.

 

Beispiele: Ein wichtiger Auftrag muss fertig werden oder ein Kollege ist krank. Nachtschichten dürfen aber nicht zum Dauerzustand werden. Ordnet der Chef die Mehrarbeit willkürlich und ohne Grund an, darf sich der Mitarbeiter weigern.

 


Bekomme ich die Überstunden bezahlt?
Wenn weder Tarif- noch Arbeitsvertrag die Kompensation von Mehrarbeit regeln, muss sich der Angestellte selbst um den Ausgleich kümmern.

„Am geschicktesten ist, die Überstunden bis zum Ende des Sonderprojekts oder der Urlaubsvertretung aufzuschreiben und dann mit dem Chef über Freizeitausgleich oder Bezahlung zu verhandeln“, empfiehlt Pia Alexa Becker, Fachanwältin für Arbeitsrecht.

Wichtig: Einen Ausgleich kann es nur geben, wenn der Chef die Überstunden wirklich angeordnet hat.

Nichts gibt’s, wenn der Mitarbeiter tagsüber gebummelt hat und lieber abends arbeitet.

In meinem Vertrag steht, dass die Mehrarbeit mit dem Monatsgehalt abgegolten ist. Damit ist der Chef fein raus, oder?
Diese Klausel taucht vor allem in Verträgen von Fach- oder Führungskräften auf. Da diese in der Regel außertariflich bezahlt werden, müssen sie beim Thema Überstunden tatsächlich etwas toleranter sein.

Anwältin Becker: „Eine Führungskraft mit gutem Verdienst kann bei vier bis fünf Stunden pro Woche keine Extravergütung erwarten.“

Eine pauschale Abgeltungsklausel ist laut Bundesarbeitsgericht allerdings unwirksam. Im Vertrag müsse eine Höchstzahl der Überstunden und der Zeitraum genau angegeben sein.

Kann der Chef Wochenendarbeit anordnen?
Wenn im Vertrag eine Fünf-Tage-Woche vorgesehen ist und auch der Tarifvertrag keine Wochenendarbeit erlauben, müssen die Samstage und Sonntage bürofreie Zone bleiben.

„Nur in echten Notfällen kann der Arbeitnehmer verpflichtet sein, auch am Wochenende einzuspringen“, sagt Anwältin Becker. In dem Fall sollte der Mitarbeiter aber einen Ausgleich – Geld oder Freizeit – verlangen.

Laut Arbeitsvertrag habe ich eine Stunde Mittagspause. Ich arbeite die aber lieber durch und gehe früher. Kann ich das einfach machen?
Offiziell nicht. Laut Gesetz ist man sogar verpflichtet, nach spätestens sechs Stunden eine halbstündige Pause zu machen. Bei Nichteinhaltung kann der Chef zu einem Bußgeld verdonnert werden. Pausen gehören im Übrigen zur bezahlten Arbeitszeit. „Ich habe daher schon erlebt, dass ein Chef dem Mitarbeiter kurzerhand Arbeitszeit und Gehalt gekürzt hat, weil er ständig durchgearbeitet hat“, warnt Anwalt Michael Felser aus Brühl.

Ich fahre mit der Bahn zur Arbeit. Durch Verspätungen komme ich häufig unpünktlich ins Büro, circa zehn bis 30 Minuten. Kann ich die Zeit einfach hinten dranhängen?
Die Lage der Arbeitszeit bestimmt der Chef. Und der Mitarbeiter ist dafür verantwortlich, pünktlich zu erscheinen. Das gilt übrigens auch, wenn die Bahn mal wieder streikt. Nur bei Gleit- oder Kernarbeitszeiten haben die Mitarbeiter entsprechende Flexibilität bei Arbeitsbeginn und -ende. Andernfalls können häufige Verspätungen sogar zur Kündigung führen.

Ich muss während der Arbeitszeit zum Arzt. Kann der Chef das verbieten?
Wer akut krank wird, kann beziehungsweise muss direkt zum Arzt. Bei Vorsorgeuntersuchungen sollte sich der Mitarbeiter dagegen bemühen, die Termine in seine Freizeit zu legen.

Nur wenn das absolut nicht gelingt, muss der Chef den Angestellten auch in der Arbeitszeit gehen lassen. Wichtig: Bescheinigungen für solche Fälle gibt es beim Arzt.

Nachdem ich mich krankgemeldet hatte, wollte mein Chef direkt ein Attest sehen.
Den „gelben Schein“ müssen Arbeitnehmer erst am dritten Krankheitstag vorlegen. Aber Vorsicht: Gemeint ist der dritte Kalendertag, nicht der dritte Werktag. Wer also freitags krank wird, muss direkt am Montag ein Attest schicken.

Urteil: Mehrarbeit notieren
Ein Arbeitnehmer kann die Bezahlung von Überstunden nur dann erfolgreich einklagen, wenn er die Extra-Stunden nachvollziebar aufgelistet hat.
LAG Rheinland-Pfalz, Az. 6 Sa 799/04.